Wie sind diese Zahlen entstanden?
Vollständige Transparenz über die Daten, das Modell und die Einschränkungen. Der Datensatz ist frei verwendbar unter Creative Commons BY 4.0 — mit Quellenangabe.
98 Berufsgruppen basierend auf KldB 2010. Jede Berufsgruppe bewertet nach KI-Exposition (0–10) mit der JPE-Methodik. Prognose 2030 über ein parametrisches Modell: Beschäftigungsmomentum + KI-Druck, kalibriert für den deutschen Arbeitsmarkt (Kurzarbeit, Betriebsräte, Kündigungsschutz). Kreuzvalidiert mit Felten AIOE (r = 0,87 auf NL-Daten). Alle Daten unter CC BY 4.0.
Abdeckung und Umfang
Die Karte umfasst 98 Berufsgruppen basierend auf der Klassifikation der Berufe (KldB 2010) der Bundesagentur für Arbeit, gemappt auf ISCO-08. Zusammen repräsentieren diese Berufe rund 29.3 Millionen Beschäftigte — den Großteil des deutschen Arbeitsmarktes (Destatis: 45,9 Mio. Erwerbstätige 2025).
Die Berufe verteilen sich auf 20 Sektoren. Der gewichtete Durchschnitt der KI-Exposition liegt bei 5.0/10.27 Berufe scoren ≥ 7 (hohe bis sehr hohe Exposition).
Scoringsrubric: KI-Exposition (0–10)
Die KI-Expositionsbewertung gibt an, welcher Anteil der Kernaufgaben eines Berufs technisch durch aktuelle KI-Systeme automatisierbar ist (LLMs, Computer Vision, Robotik, agentische KI). Es ist ein Maß für technische Exposition, nicht für tatsächliche Verdrängung.
Hoher KI-Score ≠ Jobverlust
Softwareentwickler scoren 9/10 bei KI-Exposition, verzeichnen aber +35% Beschäftigungswachstum (2015–2025). Die Nachfrage nach Software wächst schneller als KI die Produktivität steigert. Umgekehrt schrumpfen manche Handwerksberufe nicht durch KI, sondern durch demografischen Wandel und Strukturveränderungen. Der Score misst technische Exposition, nicht Arbeitsplatzsicherheit.
Prognosemodell 2030
Das Modell beantwortet die Frage: Wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt und KI-Automatisierung zunimmt, wie viele Arbeitsplätze gibt es dann 2030?
Es kombiniert zwei Kräfte: Momentum (wie hat sich der Beruf in den letzten Jahren entwickelt?) und KI-Disruption (wie stark drückt Automatisierung auf diesen Beruf?).
Ein Dämpfungsfaktor von 0,6 wird angewandt — niedriger als NL (0,7) und US (0,7), weil Kurzarbeit, Betriebsräte und Kündigungsschutz Arbeitsmarkttransitionen in Deutschland verlangsamen.
Die Formel in fünf Schritten
Wichtig: Modellannahmen
- KI-Druckwerte (−6, −4, −2, 0, +1) sind Designentscheidungen, keine empirischen Messungen.
- Der Dämpfungsfaktor (0,6) ist nicht gegen historische Daten gebacktestet. Er ist eine konservative Annahme.
- JPE-Scores sind LLM-geschätzt und speisen direkt das Prognosemodell. Kreuzvalidierung mit Felten AIOE begrenzt, eliminiert dieses Risiko aber nicht.
- Prognosen sind richtungsweisende Szenarien, keine Vorhersagen.
Beispielberechnung: Softwareentwickler/innen
Beispielberechnung: Bürokaufleute
Datenquellen pro Datenpunkt
Validierung: JPE vs. Felten AIOE
Die zentrale Frage bei jedem neuen Index: Stimmen die Scores? Die JPE-Scores wurden auf niederländischen Daten gegen den Felten AIOE validiert — das meistzitierte akademische Referenzframework für KI-Exposition von Berufen (Felten, Raj & Seamans, 2023).
Ergebnis: Pearson r = 0,87, Spearman ρ = 0,90 über 103 niederländische Berufsgruppen. Da die deutschen Scores mit derselben Methodik generiert werden und über ISCO-08 gemappt sind, gelten die Validierungsergebnisse als übertragbar.
Der Kernunterschied
Felten misst „Kann KI diese Aufgabe?“ (theoretische Kapazität). JPE misst „Verändert KI diese Arbeit tatsächlich?“ (praktische Disruption). Die Abweichungen sitzen genau dort, wo man sie erwartet: Bildung, Pflege und Rechtsprechung — Berufe, bei denen die Technologie vorhanden ist, aber Regulierung, Ethik oder Fachkräftemangel die Adoption bremsen.
Deutschland-spezifische Faktoren
Das Prognosemodell verwendet für Deutschland einen niedrigeren Dämpfungsfaktor (0,6) als für die Niederlande und die USA (jeweils 0,7). Ebenso sind die KI-Druckwerte moderater. Die Begründung:
- Kurzarbeit: Ermöglicht Unternehmen, Arbeitskräfte zu halten statt zu entlassen — verlangsamt strukturelle Anpassungen.
- Betriebsräte: Mitbestimmung ab 5 Mitarbeitern — technologische Veränderungen müssen verhandelt werden.
- Kündigungsschutz: Stärker als in den USA/UK — Rollenveränderungen erfolgen gradueller.
- Duale Berufsausbildung: Hohe Facharbeiterdichte schafft Widerstandsfähigkeit in Handwerk und Produktion.
- Fachkräftemangel: In Pflege, IT und Handwerk ist der Mangel so groß, dass KI-Verdrängung unwahrscheinlich ist.
- EU AI Act: Hochrisiko-Einstufung für Recruiting, Gesundheitswesen und Bildung — bremst KI-Adoption in regulierten Bereichen.
Einschränkungen
- KI-Scores sind LLM-geschätzt, nicht empirisch gemessen. Trotz Kreuzvalidierung (r = 0,87) können einzelne Scores um 1–2 Punkte abweichen.
- Beschäftigungsdaten basieren auf dem Mikrozensus 2024 — Selbstständige und geringfügig Beschäftigte sind möglicherweise unterrepräsentiert.
- Das Prognosemodell extrapoliert aktuelle Trends und kann externe Schocks (Pandemie, Regulierung, geopolitische Ereignisse) nicht vorhersagen.
- Die Karte deckt den Großteil, aber nicht die Gesamtheit des deutschen Arbeitsmarktes ab. Spezialisierte oder seltene Berufe fehlen.
- Gehaltsdaten aus dem Entgeltatlas sind Median-Bruttojahresgehälter. Bei Berufen mit hohem Teilzeitanteil liegt der Wert unter dem Vollzeitäquivalent.
- Die historischen Indizes sind synthetisch generiert aus IAB-Wachstumsdaten (nicht beobachtete CBS-Zeitreihen wie bei NL).
Quellenverweise
- Felten, E., Raj, M. & Seamans, R. (2023). Occupational Heterogeneity in Exposure to Generative AI. SSRN Working Paper.
- Bundesagentur für Arbeit (2010). Klassifikation der Berufe 2010 — Band 1: Systematischer und alphabetischer Teil.
- Statistisches Bundesamt (2025). Erwerbstätige nach Berufsgruppen — Mikrozensus 2024.
- Bundesagentur für Arbeit (2024). Entgeltatlas — Medianentgelt nach Berufen.
- IAB — Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2025). Beschäftigungsstatistik 2015–2025.
- Georgieff, A. & Hyee, R. (2021). Artificial intelligence and employment. OECD Social, Employment and Migration Working Papers, No. 265.
- Europäische Kommission (2024). AI Act — Verordnung über Künstliche Intelligenz.
Lizenz und Zitierweise
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